Artist Talk im Rahmen der Ausstellung SELF, Foto Wien 2025
Reinhard Reidinger, Künstler, Kurator, Lehrender im Gespräch mit den Künstlerinnen
Wien, 2025 (Ausschnitt)
1. Euer Projekt SELF ist sehr persönlich, gleichzeitig forschend- und ihr arbeitet als Geschwister zusammen. Wann wurde euch bewusst, dass euch das Thema Raum - physisch, sozial und psychologisch - beide so stark beschäftigt?
Julia
Da wir beide Architektur studiert haben, ist bei uns beiden eine starke Affinität zum Thema Raumwahrnehmung und Raumaneignung per se gegeben. Schon während meines Studiums habe ich mich intensiv mit der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Raum beschäftigt, vor allem in Bezug auf das Thema Embodiment. Dieses Abhängigkeitsverhältnis zwischen Körper und Raum, bei dem körperliche Empfindungen, Haltungen und Bewegungen kognitive und emotionale Prozesse beeinflussen - und umgekehrt, wird von mir permanent hinterfragt, vor allem in Hinsicht auf die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Aspekte.
Claudia
Ich stelle mir sehr oft die Frage, wieviel Raum nehme ich mir bzw. traue ich mir, zu nehmen und wie wird dieser dann definiert, indem ich mich in ihm bewege. Den Mut, mit diesen Themen und sehr persönlichen Experimenten auch an die Öffentlichkeit zu gehen, musste ich mir schrittweise erarbeiten. Ich mache diesen künstlerischen Selbstfindungsprozess schon sehr lange und nun wollte ich einen Schritt weitergehen und das Erlebte auch mit anderen teilen.
2. Wie hat sich euer gemeinsames Projekt SELF seit 2020 entwickelt? Gab es Wendepunkte oder Erkenntnisse, die eure Arbeit in eine neue Richtung gelenkt haben?
Claudia
Es war eine kontinuierliche Entwicklung, ausgehend von dem Punkt, an dem wir feststellten, dass wir, getrennt voneinander bzw. orts- und zeitunabhängig, am gleichen Thema gearbeitet hatten. Daraus resultierte unsere erste gemeinsame Arbeit aus der Serie Double, in der wir jeweils eine Arbeit von uns zu einem gemeinsamen Bild zusammenbrachten. Zwei voneinander unabhängige Ereignisse wurden so von uns in eine neue Beziehung zueinander gesetzt, Wahrnehmungsebenen überlagert und Zeitpunkte verwoben. So entstand ein neuer Blick auf die Situation. Unsere erste gemeinsame Ausstellung war 2019 im sehsaal. Bei dieser brachten wir unsere unterschiedlichen Schwerpunkte zu einem Thema zusammen. Das war eine sehr schöne Erfahrung und der Beginn der weiteren gemeinsamen Ausstellungstätigkeit.
Julia
Auch diese Ausstellung zeigt, wie sich unsere unterschiedlichen Zugänge zu einem Thema ergänzen und Raum für alternative Perspektiven ermöglichen. Während meine Schwester sehr stark den Fokus auf die persönliche Introspektion legt, steht bei meinen Arbeiten mehr die Verankerungen des Menschen in eine soziale und politische Struktur einer Gesellschaft im Vordergrund. Dadurch können wir uns gegenseitig inspirieren und es entstehen neue Synergien. Das, was zuerst nur zusammengegeben wurde, wurde dann in Folge über weitere künstlerische Prozesse immer stärker verschränkt. Ein schönes Beispiel dafür ist unsere Serie Einschreibung, in der unsere künstlerischen Handschriften verschwimmen und nur noch der gemeinsame Entstehungsprozess im Vordergrund steht.
3. Ihr sprecht von Raumwahrnehmung und Raumaneignung. Wie definiert ihr Raum in eurer künstlerischen Praxis? Ist es ein physischer, sozialer, mentaler Raum?
Claudia
Raum entsteht in meiner Fotografie erst durch das, dass ich mich im Raum bewege.
Julia
In unserem Architekturstudium haben wir den Raum meist als etwas Statisches behandelt, etwas Manifestes- ein Gebäude als Hülle und Schutz, etwas physisch Vorhandenes. In meinem künstlerischen Schaffen habe ich begonnen, dies zu hinterfragen und mich sehr für die Theorien von Lefebvre zu interessieren, in denen Raum als soziales Konstrukt betrachtet wird. Ausgehend von den Konzepten des spatial turns betrachte ich in meiner künstlerischen Praxis Raum als Handlungsraum, der situativ entsteht und einen ephemeren Charakter aufweist.
4. In euren Arbeiten geht es auch um Erinnerung: Wie manifestiert sich Erinnerung körperlich? Ist sie für euch eine Bewegung, Geste, Spannung - oder etwas Visuelles?
Claudia
In meinen Bildern versuche ich, das Unbewusste herauszuholen. Im Körper ist sehr viel Wissen gespeichert. Wenn ich meinen Emotionen oder meinen Erinnerungen nachspüre, meine Gedanken loslasse und mich spontan bewege, dann kann ich über meine Bewegungen sehr viel ausdrücken.
Julia
Meine künstlerischen Prozesse beziehen sich auf die Theorien von Donna Haraway und ihren Theorien des situierten Wissens. Ähnlich, wie es meine Schwester soeben formuliert hat, arbeite auch ich in meinen künstlerischen Prozessen mit dem im Körper gespeicherten Wissen, das sich über Handlungen, Haltungen und Gesten manifestiert. Diese Zusammenhänge zeigen sich schon sehr deutlich in der Verbundenheit von Sprechen und Handeln. Der performative Sprechakt beschreibt selbst eine Wirklichkeit, auf denen normative soziale Konstrukte, z.B. Geschlechterhierarchien beruhen. Meine Projekte baue ich zu Beginn sehr analytisch auf, ich starte mit einer intensiven Recherche und versuche, mir möglichst viel Wissen anzueignen. In der zweiten Phase der Umsetzung beginnt sich dann alles wieder langsam aufzulösen. Über den fließenden Pinselduktus des Aquarells oder der Tusche oder über die fragilen Setzungen meiner Installationen entstehen offene Momente.
5. Eure These lautet, dass Bilder sich als Körperwissen in den Körper einschreiben. Könnt ihr beschreiben, wie ihr diesen Prozess sichtbar oder erfahrbar macht?
Claudia
Mir ist es sehr wichtig, die Betrachterin, den Betrachter ins Bild zu holen und zu fragen: Was macht das mit Dir? Und erst in einem zweiten Schritt, wenn ich die Resonanz der Betrachterin, des Betrachters habe, gehe ich in Austausch und spreche auch über meine Intentionen und Erfahrungen. Von meiner Seite ist es mehr ein stetes Hinterfragen.
Julia
Ich recherchiere sehr viel und meistens sammelt sich bei meinen Projekten eine große Menge an faktischem Wissen an, das ich beginne zu hinterfragen. So interessiert mich vor allem das, was nicht gezeigt oder nicht erzählt wird oder wurde – das Verschobene, Fragmenthafte, Fehlende. In meinen Prozessen verknüpfe ich performative, körperlich-situierte Erfahrung mit archivarischer und historischer Recherche, um die Spannung zwischen Faktizität und subjektiver Wahrnehmung produktiv zu machen und einen Diskurs anzuregen. Wichtig ist mir auch, in der Betrachterin, im Betrachter eine gewisse Sensibilität auf bestimmte Themen zu evozieren. Meine künstlerischen Arbeiten verstehen sich so auch als Aufforderung, Ebenen zu erspüren, die einem auf den ersten Blick noch verborgen bleiben.
© Julia Dorninger, 2026